Unst oder am Ende der Welt

Am Samstag erkundeten wir Unst.

Unst ist die nördlichste große Insel Shetlands und die nördlichste bewohnte Insel Großbritanniens. Sie ist dünn besiedelt und zählte ca. 600 Einwohner. Unst ist eher bergig und es gibt extra viele Schafe. Ansonsten gibt es das RSPB-Reserve Hermaness und einige Spuren der Wikinger. Und Unst ist die Hochburg der Shetland-Ponies; es gibt sogar „Achtung Ponies“ Schilder wie bei uns die Warnschilder vor Wildwechsel.

Wir waren zwar zwei Nächte in Unst, hatten aber bisher von der Insel wenig gesehen. Also brachen wir schon früh auf. Als erstes stand Hermaness auf dem Programm. Außerdem wurde unsere Gruppe heute erstmals (endlich!) zwischen Wanderern und Vogel-Beobachtern geteilt, was allen große Freude brachte. Die Wandergruppe machte sich beim Parkplatz für Hermaness dann auch sofort auf dem Bohlenweg hinauf auf die Klippen.

Blick vom Bohlenweg auf den Burrafirth.

Leider kann man bei Hermaness nicht mehr den Rundweg laufen, weil der nördliche Teil der Klippen teilweise abgebrochen ist, der Weg teilweise nicht mehr sicher ist. Der Rundweg muss erst mit neuen Bohlen-Abschnitten versehen werden, bevor Besucher ihn wieder nutzen können. Sehr schade. Aber wir waren auch damit zufrieden, hin und zurück ab den Klippen den gleichen Weg zu laufen.

Am Klippenrand angekommen, zeigte sich dieser wunderbare Blick:

Erster Blick auf die Klippen bei Hermaness

Erstaunlich, an welchen Stellen sich die Schafe immer noch wohl fühlen.

Klippenschafe.

Wir wandten uns nach Norden, um an die äußerste Spitze des Naturparks zu gelanden. Die Klippenlandschaft hier war erheblich bergiger als auf den anderen Inseln. Man musste auch aufpassen, wo der Weg ausgeschildert war, weil es zwischendrin zu steile Abschnitte gab. Das sah man von Ferne gar nicht so ohne weiteres.

Blick nach Norden.

Das Wetter war sehr gut, sonnig und warm, und wie immer windig. In Hermaness ist der Wind immer zu beachten, weil es einfach eine so wilde Gegend ist. Hier laufen Atlantik und Nordsee zusammen und sorgen für besonders stürmisches Wetter. Entweder kommt der Wind vom Land her, und dann muss man aufpassen, dass er einen nicht zu nah an den Klippenrand drückt. Oder aber der Wind kommt von der See her; das hat den Nachteil, dass man sich in den Wind lehnt. Wenn es dann eine kleine Windpause gibt, besteht genauso die Gefahr, dass man am Rand der Klippen stürzen könnte.

Vorgelagert sind einzelne Felsen wie dieser hier:

Vorgelagerter Felsen.

Das nächste Foto zeigt einen Blick zurück. Man sieht sehr gut, wie bergig es ist.

Blick zurück.

Wir liefen an der Küstenlinie weiter nach Norden.

Nach Norden.

Hermaness ist Vogelschutzgebiet und berühmt für seine riesigen Seevogel-Kolonien. Über 100.000 Seevögel sollen hier in der Brutsaison wohnen: gannets, bonxies, fulmars, gulls, shags, puffins und kittiwakes. Es herrscht ein unglaublicher Geräuschpegel, und auch der Geruchssinn ist nicht zu vernachlässigen. Wirklich ein wahres Fest für alle Sinne.

Auf dem nächsten Bild sieht man sehr gut, wie nah die Vögel aneinander nisten. Alles weiße sind Vogelkolonien. Im Herbst ziehen die Seevögel ab. Über den Winter werden die Felsen dann von den Wellen nach und nach wohl wieder dunkel gewaschen, so dass sich im Winter ein ganz anderes Bild ergibt.

Vogelkolonien.

Absolutes Highlight an der Nordspitze von Unst ist die vorgelagerte Insel Muckle Flugga mit dem Lighthouse. Das Lighthouse ist zwischenzeitlich automatisiert. Früher setzte der Leuchtturmwärter mit dem Boot über. Seine Familie lebte in einem Gebäude in Unst am Burrafirth und war daher etwas komfortabler untergebracht sowie nicht ganz so stark den Naturgewalten ausgesetzt. Was das für ein Leben gewesen sein muss. Für diesen Beruf musste man aber ganz besonders geeignet sein.

Das Lighthouse wurde übrigens von Thomas Stevenson in 1857/58 erbaut. Das war der Vater des Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Und die Karte des Buches „Treasure Island“ ähnelt ganz stark Unst, wo der Schriftsteller in 1869 zu Besuch war.

Muckle Flugga mit Lighthouse.

Wir stiegen hinauf zur alten Signalstation. Dieser Aufstieg war endlich wirklich fordernd, aber er lohnte sich sehr.

Hinauf zur Signalstation.

Von oben hat man einen noch schöneren Blick auf das Lighthouse.

Muckle Flugga.

Auf dem Hügel befand sich eine Signalstation. Inzwischen sieht man nur noch ein paar Überreste der Signalstation. Zur Jahrtausendwende wollte ein Paar von außerhalb in der Signalstation übernachten und das neue Jahrtausend dort an der Nordspitze begrüßen. Von ihrem Plan erzählten sie den Einheimischen. Die Leute aus Unst rieten dem Paar ab, da sich ein Sturm zusammen braue und es zu gefährlich in der Signalstation sei. Das Paar schlug die Warnung aus und fand, dass der Wind eher zurückgegangen sei, somit bestehe keine Gefahr. Das war aber ganz offenbar die Ruhe vor dem Sturm. In der Nacht erreichte der Wind eine erhebliche Kraft. Am nächsten Morgen war die Signalstation nicht mehr vorhanden – vom Wind davon geweht. Die Leichen der beiden fand man viel später an unterschiedlichen Orten der Klippen. Man vermutet, dass einer der beiden nachts die Tür der Signalstation geöffnet hat und dadurch dem Wind mehr Angriffsfläche bot oder sogar selbst einfach über die Klippen geweht wurde. Der andere Partner machte sich vielleicht auf die Suche, und wurde dann ebenfalls vom Wind über die Klippen getrieben. Eine sehr traurige Geschichte an diesem strahlenden Tag. Die Signalstation wird ja heute nicht mehr benötigt, und sie wurde daher auch nicht mehr aufgebaut.

Alte Signalstation.

Wir liefen dann den Hügel wieder hinunter und auf diese Landzunge, bis zum äußersten Ende.

Auf die Landzunge.

Da standen wir dann eine Weile, staunend und beeindruckt.

Das Ende der Welt.

In dieser Richtung kommt nach Norden kein weiteres Land mehr, bis zum Nordpol. Das Ende des Vereinigten Königreiches und somit irgendwie auch das Ende der Welt. In gewissem Sinne auch das Ende dieser Reise, denn weiter nördlich ging es nun nicht mehr.

Bis zum Nordpol kein Land mehr in Sicht.

Dann wandten wir uns um, zurück nach Süden, zurück zum Rest der Gruppe. WIeder vorbei an den Seevogelkolonien.

Nochmals Blick auf Seevögel.

Die Klippen wieder auf und ab.

Vorgelagerte Felsen.

Noch ein Blick zurück zum Lighhouse, inzwischen schon in der Ferne.

Noch ein Blick zurück.

Und dann zu den wirklichen Vogelkolonien.

Vögel in den Klippen.

Es ist einfach unglaublich, wie eng die Vögel hier nisten. Wie sie sich zurechtfinden und wie sie mit diesem Stresslevel umgehen. Viele Seevögel bleiben ihr Leben lang zusammen, ziehen aber getrennt nach Süden. Ich habe Martha gefragt, wie sie jemals ihren Partner in diesen Massen wieder finden. Offenbar bleiben sie auch ihrem Nistplatz treu, was schon mal hilft. Und die Vögel erkennen ihren Partner mit dem Geruchssinn, worauf man bei Vögeln ja nun nicht unbedingt gleich kommt.

Vögel über Vögel.

Wie sie es allerdings aushalten, so eng zusammen zu wohnen, wenn sie überhaupt einen Geruchssinn haben, ist mir schleierhaft. Vielleicht riechen sie auch selektiv.

Vogelnistplätze – gannets.

Da die Klippen so weit eingeschnitten sind, kann man sich wunderbar an den Rand einer Klippe setzen und den Vögeln auf der Klippe gegenüber zu schauen. Das ist natürlich ein echter Logenplatz.

Ausblick.

Dann gingen wir alle zusammen langsam wieder zurück zum Bohlenweg und über diesen zurück zum Parkplatz. Ein letztes Blick auf die Norspitze – ein wenig wehmütig.

Letzter Blick nach Norden.

Burrafirth wartet mit einem schönen Strand auf, der an diesem heißen Tag mit 21 °C gern genutzt wurde. Die Shetländer sagten, dass es der heißeste Tag seit zehn Jahren sei. Da es auch nur normal starken Wind gab, empfanden sie es auch gleich als schwül.

Burrafirth.

Wir teilten die Gruppe erneut, da die eine Hälfte gerne tea and cake wollte, während die andere Hälfte sich auf die Spuren der Wikinger machte, darunter auch ich. Wir hielten in Haroldswick und sahen uns die Rekonstruktion eines Wikinger-Langhauses an. Auf Unst sind an verschiedenen Orten Langhäuser ausgegraben worden. Auf Grundlage der Erkenntnisse, die man bei diesen Ausgrabungen gewonnen hat, entstand diese Replik.

Viking longhouse replica in Haroldswick.

Das Dach ist aus Holz konstruiert, das dann mit einer Begrünung abgedichtet wurde. Ich finde, es sieht sehr schön und gemütlich aus.

Gündach.

Auch wenn das Langhaus von außen klein und niedrig aussieht, ist es innen doch sehr hoch und geräumig. Es ist in die Erde hineingebaut, um den Elementen weniger Angriffsfläche zu bieten. Die Fenster sind klein, so bleibt es immer Sommer kühl und im Winter warm. Für die Holzkonstruktion mussten die Handwerker übrigens alte Traditionen wieder lernen und die Balken zum Beispiel so zusammenfügen, dass sie auch ohne Nägel halten.

Außen klein und innen groß.

Direkt neben dem Langhaus befindet sich ein Wikinger-Schiff, die Skidbladner. Dieses ist ein Nachbau des Gokstadt Schiffes, das in einer Grabstätte gefunden wurde.

Blick zum Bug.

Besonders schön waren die liebevollen Details am Steuerruder.

Übrigens haben Vögel das Langhaus als Niststätte auserkoren. Aus den kleinen Löchern auf dem nächsten Bild piepste es ganz aufgeregt.

Nist-Dach.

Ein letzter Blick auf die Bucht neben Langhaus und Schiff…

Blick auf die Bucht.

… und schon ging es weiter zu Ausgrabungsstätten bei Underhoull.

Blick auf die Bucht bei Underhoull.

Dort sind die Überreste eines Broch zu finden.

Broch of Underhoull.

Von dort gab es einen wunderbaren Blick auf die Küste – es hat mich da gleich schon wieder in meinen Wanderschuhen gejuckt.

Küstenaussicht.

Der Strand wirkte sehr einladend.

Ausblick auf den Strand.

Zum Glück war alles ausgeschildert, denn man musste dorthin über eine Schafsweide und über mehrere Zäune.

Danke für den Hinweis.

Ein paar Meter weiter wurde ein Langhaus ausgegraben.

Überreste eines Langhauses.

Ich bin froh, dass wir erst beim Nachbau waren. Da konnte man sich das ganze dann doch viel besser vorstellen.

Ein seltener Anblich in Shetland: ein Wegweiser.

Dann ging es schon zur Fähre, wo wir wieder mit dem Rest der Gruppe zusammen trafen.

Bye-bye, Unst.

Über den Bluemull-Sound ging es nach Yell. Bei der Fahrt über die Insel wurde es ganz still im Bus. Jeder hing seinen Gedanken nach, und ich will nicht ganz ausschließen, dass der eine oder andere eingenickt ist. Die ganze frische Luft… Von Yell brachte uns die Fähre wieder zurück nach Shetland Mainland.

Von Yell nach Shetland Mainland.
Zurück nach Shetland Mainland.

Und dann quer über die Insel zurück nach Sumburgh für ein letztes Abendessen und eine letzte Übernachtung.

Blick auf Sumburgh Head mit Shetland Ponies.

Aber noch sind nicht alle Abenteuer vorbei.